Eines meiner Lieblingszitate aus dem Wirtschaftsleben wird dem damaligen Berater des US-Präsidenten Bill Clinton, James Carville, zugeschrieben und stammt aus den frühen 1990er Jahren. Ich habe es bestimmt schon hundertmal zitiert, aber noch nicht an dieser Stelle. Also los: Es lautet sinngemäß übersetzt: „Früher dachte ich, wenn es eine Wiedergeburt gäbe, würde ich gerne als Präsident, Papst oder als Baseballspieler zurückkommen. Heute würde ich gerne als Anleihemarkt zurückkommen. Der Anleihemarkt kann jeden einschüchtern.“
Staatsanleihen: Einfluss auf die Politik
Hintergrund war die Erkenntnis der Clinton-Regierung, dass die Finanzmärkte, insbesondere der Staatsanleihemarkt, erheblichen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik ausüben können. Wenn Investoren höhere Haushaltsdefizite oder eine unsolide Finanzpolitik befürchten, verlangen sie höhere Renditen für Staatsanleihen. Dadurch steigen die Finanzierungskosten für den Staat und oft auch für die gesamte Volkswirtschaft. Ein prominentes Beispiel für Carvilles These war der von den Anleihemärkten nahezu „erzwungene“ Rücktritt der britischen Premierministerin Liz Truss im Oktober 2022.
Französische Anleihen unter Druck
Warum erzähle ich das alles an dieser Stelle? Der Grund hierfür ist, dass die Anleihemärkte zurzeit eindeutig die Richtung für die anderen Marktsegmente vorgeben. Im Fokus bleiben insbesondere die französischen Staatsanleihen, deren Renditen am Donnerstag und Freitag vergangener Woche stark anstiegen. Nach einer vorübergehenden Beruhigung zum Wochenauftakt nahm der Druck auf französische sowie in deren Schlepptau auf italienische und griechische Staatsanleihen wieder zu. Auch die Renditen langlaufender Staatsanleihen der USA notierten erneut auf 24-Jahres-Höchstständen.
Renditeanstieg belastet Gold
Lange Vorrede, kurzer Sinn: Wie schon vergangene Woche dargelegt, bedeuten steigende Renditen für Staatsanleihen prinzipiell Gegenwind für die Goldpreise. Hinzu kam noch zunehmender Abwertungsdruck auf den Euro, der zum US-Dollar auf ein 17-Monatstief fiel.
Im Folgenden bitte daran denken, dass ich nur der Überbringer der Nachricht bin: Zwar zeigte der Goldpreis immer mal wieder kurzzeitige Erholungsbewegungen, schließlich gilt das gelbe Metall ja als „sicherer Hafen“ in turbulentem Marktumfeld. Im Großen und Ganzen war aber der Druck der Anleiherenditen und der US-Dollar-Stärke größer, sodass die Notierungen im Wochenverlauf moderat nachgaben.
Goldpreis: Auf und Ab im Wochenverlauf
Am Donnerstagmorgen vergangener Woche notierten die Goldpreise noch bei rund 4.160 US$ je Unze. Nach einem Anstieg auf 4.225 US$ je Unze am Freitag wurde der Gegenwind stärker, sodass sich die Goldnotierungen mit etwa 4.140 US$ je Unze in das Wochenende verabschiedeten. Nach einigem Auf und Ab in einer relativ überschaubaren Handelsspanne ging es gestern dann weiter abwärts, und zwar bis auf 4.067 US$ je Unze. Immerhin erholten sich die Notierungen gestern Abend und heute Morgen etwas. Aktuell wird Gold bei 4.125 US$ je Unze gehandelt.
Schwacher Euro dämpft Preisrückgang
Der Xetra-Gold-Preis notiert aufgrund des schwächeren Euro gegenüber dem US-Dollar nur leicht unter dem Vorwochenniveau. Während der üblichen Handelszeiten stieg er zunächst von 118,4 € pro Gramm am vergangenen Donnerstagmorgen auf etwa 120,75 € pro Gramm am Freitag. Konnte er sich zunächst noch eine Weile um das Niveau von 118,5 € pro Gramm halten, ging es gestern abwärts auf das bisherige Wochentief bei 117,1 € pro Gramm beziehungsweise aktuell 118,2 € pro Gramm.
Ausblick: Anleihemärkte als Taktgeber
Die Anleihemärkte bleiben im Fokus. Eine Beruhigung an den Anleihemärkten dürfte derzeit die wichtigste Voraussetzung dafür sein, dass die Goldpreise wieder nachhaltig gen Norden blicken können. Sollten die starken Schwankungen an den Anleihemärkten anhalten, könnte Gold jedoch möglicherweise wieder als „sicherer Hafen“ reüssieren. Mittelfristig sprechen viele fundamentale Gründe für höhere Preise, auf kurze Sicht könnte der Druck aber zunächst noch anhalten.
Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich ein schönes Wochenende, wenngleich der Sommer sich nun wohl verabschiedet haben dürfte.